Kleine Siedlerhäuser, steile Dächer, sparsame Wände: woran du Häuser der Jahre 1919 bis 1945 erkennst und was bei ihrer Sanierung zu beachten ist.
Nach dem Ersten Weltkrieg fehlt es an allem: Geld, Kohle, Baustoffen, Wohnungen. Gebaut wird trotzdem, und zwar klein, sparsam und mit großem Garten, damit sich die Familie selbst versorgen kann. Das Siedlerhaus am Ortsrand mit steilem Dach, Stallanbau und Zwetschgenbaum ist das typische Kind dieser Jahre – und heute oft der günstigste Einstieg ins Haus auf dem Land.
Was in dieser Zeit gebaut wird
Kleinsiedlungen. Staat, Gemeinden und Genossenschaften förderten ab den 1920ern, verstärkt ab den frühen 1930ern, einfache Häuser auf großen Grundstücken. Typisch sind einheitliche Haustypen in Reihe entlang einer Straße, anderthalbgeschossig, mit kleinem Wirtschaftsanbau für Ziege, Schwein und Hühner. Viel wurde in Selbst- und Nachbarschaftshilfe errichtet.
Bauernhäuser und Höfe. Auf den Höfen wird weitergebaut wie vor dem Krieg, nur schlichter. Neu sind größere Stallgebäude mit Betonböden und massiven Decken.
Heimatschutzstil. Der schon vor 1914 entstandene Heimatstil prägt die gesamte Epoche: Putzfassade, steiles Satteldach, Sprossenfenster mit Läden, sparsame Details. In den 1930ern wurde dieses „landschaftsgebundene Bauen” zur offiziellen Linie und ideologisch aufgeladen; baulich unterscheidet sich ein Siedlerhaus von 1936 aber wenig von einem von 1928. Das Neue Bauen mit Flachdach und Fensterbändern blieb auf dem bayerischen Land eine seltene Ausnahme.
Woran du die Bauzeit erkennst
- Kompakter Baukörper, oft nur sieben bis neun Meter im Geviert, Erdgeschoss plus ausgebautes Dach mit niedrigem Kniestock.
- Steiles Satteldach, etwa 45 bis 50 Grad, ohne oder mit knappem Dachüberstand, gedeckt mit Biberschwanz oder Falzziegeln; kleine Schleppgauben. Im Alpenvorland bleibt das flachere Dach mit weitem Überstand üblich.
- Kleinteilige Sprossenfenster, meist zweiflügelig, als Kasten- oder Doppelfenster, mit Klappläden.
- Knappe Grundrisse. Wohnküche, Stube, ein bis zwei Kammern unten, Schlafkammern unterm Dach. Raumhöhen um 2,30 bis 2,50 Meter. Flure und Treppen sind auf das Nötigste reduziert; die Treppe ist oft steil und schmal.
- Das Bad fehlt. Ursprünglich gab es einen Abort, oft im Anbau oder am Treppenpodest, und eine Waschküche im Keller. Bäder sind fast immer spätere Einbauten – mit allen Folgen für die Holzbalkendecke darunter.
- Schlichte Details: glatte Füllungs- oder Brettertüren, einfache Treppengeländer, gestrichene Dielen, Steinholz- oder Terrazzoböden in Küche und Flur.
Materialien und Konstruktionen
Wände. Gespart wird vor allem an der Wandstärke. Außenwände aus Vollziegeln mit etwa 25 bis 38 Zentimetern sind üblich, dazu kommen neue, leichtere Steine: Hohlblocksteine aus Bims- oder Schlackenbeton und erste Lochziegel. In einfachen Siedlungen und in den Kriegsjahren wurde genommen, was zu bekommen war; die Qualität schwankt von ordentlich bis abenteuerlich.
Leichtbauplatten. Ab etwa den späten 1920ern verbreiten sich zementgebundene Holzwolle-Leichtbauplatten, im Volksmund Sauerkrautplatten. Sie dienten als Putzträger, zur Verkleidung von Dachschrägen und Kniestöcken und als frühe Wärmedämmung. An sich sind sie unproblematisch und oft erhaltenswert.
Decken. Über dem Keller meist massive Decken – Kappendecken zwischen Stahlträgern, Stahlsteindecken oder erste Stahlbetonplatten. Darüber weiterhin Holzbalkendecken, sparsam dimensioniert, mit Schlacke-, Sand- oder Lehmschüttung.
Dach. Sparren- oder Kehlbalkendächer aus schlanken, gesägten Hölzern. Die Querschnitte sind knapp, aber für die ursprüngliche Last ausreichend.
Keller und Abdichtung. Kellerwände aus Stampfbeton, Bruchstein oder Ziegel. Eine waagrechte Sperrschicht aus Bitumen- oder Teerpappe ist inzwischen üblich, eine senkrechte Abdichtung gegen das Erdreich dagegen kaum mehr als ein Anstrich. Der Keller war als kühler, leicht feuchter Vorratsraum gedacht, nicht als Hobbyraum; mehr unter Keller im alten Haus.
Putz und Böden. Kalk- und Kalkzementputze, innen oft auf Schilfrohrmatten. Als fugenloser Bodenbelag war Steinholz beliebt, ein Estrich aus Magnesiabinder und Holzmehl oder Sägespänen.
Typische Schwachstellen und Schadstoffe
Dünne Wände, kalte Ecken. Eine 25er oder 30er Ziegelwand dämmt schlecht. Nach dem Einbau dichter Fenster zeigt sich das als Schimmel in Außenecken und hinter Schränken.
Knappe Statik. Decken und Dachstühle sind für leichte Nutzung ausgelegt. Dachausbau mit schwerer Dämmung und Gipsplatten, Badewanne im Obergeschoss, Photovoltaik auf schlanken Sparren: alles möglich, aber nur mit Nachweis durch einen Tragwerksplaner.
Kriegs- und Notjahre. Häuser aus den Jahren unmittelbar nach 1918 und ab etwa 1939 leiden häufiger unter Ersatzbaustoffen: magerer Mörtel, minderwertiger Beton, schlecht gebrannte Ziegel.
Steinholzböden. Der Magnesiabinder enthält Chloride, die bei Feuchte Stahl angreifen – etwa eingebettete Leitungen oder Träger. In Einzelfällen wurden Steinholzestrichen Asbestfasern beigemischt. Vor dem Herausstemmen deshalb eine Probe analysieren lassen.
Schlackeschüttungen und Teerprodukte. Deckenschüttungen aus Schlacke können belastet sein; Sperrpappen, Kelleranstriche und manche Kleber enthalten Steinkohlenteer und damit PAK. Beides ist harmlos, solange es eingebaut bleibt, und ein Fall für Labor und Fachfirma, sobald es herausmuss.
Blei und alte Leitungen. Bleihaltige Anstriche sind weiter üblich. Wasserleitungen aus Blei kommen in Süddeutschland selten vor, sollten aber ausgeschlossen werden. Die originale Elektroinstallation – zweiadrig, ohne Schutzleiter, mit Stoff- oder Gummiisolierung – ist ein Sicherheitsrisiko und wird ersetzt, nicht ergänzt. Dazu mehr unter Elektro, Wasser, Abwasser erneuern.
Spätere Zutaten. Auch hier gilt: Die Verkleidung des Giebels mit Asbestzementplatten, die Holzschutzbehandlung des Dachstuhls, der Flexplattenboden in der Küche kamen in den 1950ern bis 1970ern dazu. Die Übersicht steht unter Schadstoffe im Altbau.
Was das für die Sanierung heißt
Siedlerhäuser sind selten Denkmäler, schlicht in der Fassade und damit für energetische Verbesserungen dankbarer als ein Gründerzeithaus. Prüfen solltest du den Status trotzdem, denn manche Siedlungen stehen als Ensemble unter Schutz oder unterliegen einer Gestaltungssatzung.
- Außendämmung ist hier oft vertretbar. Bei glatten Putzfassaden ohne Schmuck verändert eine Außendämmung wenig am Charakter, wenn Dachüberstand, Fensterlaibungen und Sockel sauber gelöst werden. Mineralische oder holzfaserbasierte Systeme passen besser zum Bestand als dichte Aufbauten; siehe Dämmstoffe für den Altbau. Voraussetzung ist eine trockene Wand – Feuchteprobleme im Sockel werden vorher gelöst, nicht zugeklebt.
- Das Dach ist der größte Hebel. Meist ist es ungedämmt oder mit ein paar Zentimetern Leichtbauplatte versehen. Bei schlanken Sparren bietet sich eine Aufsparrendämmung an, die zugleich Raum im ohnehin knappen Dachgeschoss spart. Grundsätzliches unter Dach sanieren und dämmen.
- Grundriss realistisch sehen. 80 bis 100 Quadratmeter auf zwei Ebenen mit steiler Treppe werden auch durch herausgerissene Wände kein Loft. Oft sind fast alle Innenwände tragend oder aussteifend. Ein Anbau ist häufig die bessere Lösung als der Kampf mit dem Bestand; die großen Grundstücke geben das her.
- Technik komplett neu. Elektro, Wasser, Abwasser, Heizung: In der Regel ist nichts davon zu retten. Dafür sind die Wege kurz und die Mengen überschaubar.
- Keller Keller sein lassen. Trocken genug für Vorräte und Technik ist erreichbar, Wohnraumniveau meist nur mit unverhältnismäßigem Aufwand.
Kurz gesagt
- Typisch für 1919 bis 1945 ist das kleine Siedlerhaus: steiles Satteldach, knapper Grundriss, großer Garten.
- Gespart wurde an Wandstärken, Holzquerschnitten und Ausstattung; die Qualität schwankt, besonders in den Notjahren.
- Mögliche Problemstoffe: Steinholzestrich, Schlackeschüttungen, Teerpappen, Bleifarben – plus alles, was spätere Jahrzehnte dazugebracht haben. Proben und Ausbau sind Sache von Fachleuten.
- Statik von Decken und Dachstuhl prüfen lassen, bevor Lasten dazukommen.
- Energetisch lässt sich viel erreichen: Dach, schlichte Fassade und Technik sind gut zugänglich.