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Epochen6 Minuten

1960–1980: Wirtschaftswunder, Beton und Schadstoffe

Licht

Betondecken, große Fenster, Asbestzement und Holzschutzmittel: was Häuser der 1960er und 1970er auf dem Land ausmacht und wie du sie sicher sanierst.

In den 1960ern kommt der Wohlstand aufs Dorf, und mit ihm das neue Haus neben dem alten Hof: Zentralheizung, gefliestes Bad, Balkon über die ganze Hausbreite, Garage. Das alte Bauernhaus daneben wird zum Austrag, zum Lager oder verfällt. Heute stehen beide zum Verkauf – und das Haus von 1968 ist nicht unbedingt das einfachere von beiden. Es ist solide gebaut, aber es stammt aus den Jahrzehnten, in denen die Bauchemie alles versprach und wenig geprüft wurde.

Was in dieser Zeit gebaut wird

Das freistehende Einfamilienhaus im Neubaugebiet am Ortsrand, oft mit Einliegerwohnung für die Eltern oder als Zweifamilienhaus. Aussiedlerhöfe, die im Zuge der Flurbereinigung aus dem engen Dorf in die Flur verlegt wurden: Wohnhaus, Stall und Halle als moderner Betrieb auf der grünen Wiese. In Fremdenverkehrsgegenden das große Haus mit Gästezimmern. Dazu Bungalows mit Flachdach und die ersten Fertighäuser in Holztafelbauweise.

Gleichzeitig ist es die Zeit der großen Modernisierungswelle im Bestand. Fast jedes ältere Haus wurde in diesen Jahren „hergerichtet” – mit denselben Materialien, um die es hier geht.

Woran du die Bauzeit erkennst

  • Querformatige, große Fenster, oft einflügelig mit Dreh-Kipp-Beschlag, ohne Sprossen; zunächst Verbundfenster, ab den 1970ern zunehmend frühes Isolierglas in Holz-, Aluminium- oder Kunststoffrahmen. Dazu Rollläden mit Kasten über dem Fenster.
  • Flacher geneigte Dächer zwischen etwa 22 und 35 Grad mit Betondachsteinen oder Wellplatten aus Asbestzement; beim Bungalow das Flachdach. In Oberbayern der breite Giebel mit umlaufendem Balkon als Dauerzitat des Bauernhauses.
  • Der Balkon als auskragende Betonplatte, die ohne Trennung aus der Geschossdecke herausläuft.
  • Glasbausteine am Treppenhaus, Waschbetonplatten am Weg, Kunststein-Fensterbänke, schmiedeeiserne Gitter.
  • Heizkörpernischen unter den Fenstern, Öltank im Keller oder im Garten, Zentralheizung mit Stahlrohren.
  • Innenausbau: Holzdecken aus Nut-und-Feder-Brettern oder Paneelen, Einbauschränke, Teppichboden auf Estrich, Fliesen bis zur Decke, Türen mit Stahlzargen.

Materialien und Konstruktionen

Wände. Hochlochziegel, Bims-Hohlblocksteine, Kalksandstein, in den 1970ern auch Porenbeton, Außenwände meist 30 bis 36,5 Zentimeter. Der Wärmeschutz war auf Tauwasserfreiheit ausgelegt, nicht aufs Energiesparen; Heizöl kostete bis zur Ölkrise 1973 fast nichts. Erst 1977 trat die erste Wärmeschutzverordnung in Kraft.

Decken und Keller. Stahlbetondecken in allen Geschossen, Vollkeller aus Beton oder Betonsteinen mit Bitumenabdichtung. Darauf schwimmender Estrich mit dünner Dämmlage. Statisch sind diese Häuser gutmütig und haben Reserven.

Dach. Pfetten- oder Sparrendach aus Schnittholz, bei ausgebautem Dachgeschoss mit einigen Zentimetern Mineralwolle zwischen den Sparren, innen mit Brettern oder Platten verkleidet, eine Dampfbremse fehlt oft oder ist lückenhaft.

Fertighäuser. Holztafelwände mit Mineralwolle, innen Spanplatte, außen häufig Asbestzementplatten. Das Holz wurde werkseitig mit Holzschutzmitteln behandelt. Diese Häuser sind ein Sonderfall, der vor dem Kauf immer eine Schadstoffuntersuchung verdient.

Typische bauliche Schwachstellen

Wärmebrücken überall. Die durchlaufende Balkonplatte wirkt wie eine Kühlrippe an der Decke. Heizkörpernischen halbieren die Wandstärke genau dort, wo es am wärmsten ist. Rollladenkästen sind ungedämmte Hohlräume, Betonstürze und Deckenränder liegen ungeschützt in der Außenwand. Solange alte Fenster fröhlich zogen, fiel das nicht auf. Mit neuen, dichten Fenstern steigt die Luftfeuchte, und an den kalten Stellen wächst Schimmel.

Beton an der frischen Luft. Balkonplatten, Brüstungen und Außentreppen leiden unter zu geringer Betondeckung: Die Bewehrung rostet und sprengt den Beton ab. Das ist sanierbar, bei auskragenden Platten aber ein Fall für den Tragwerksplaner.

Flachdächer. Die Abdichtungen der ersten Generation hatten wenig Gefälle, wenig Dämmung und eine begrenzte Lebensdauer. Wenn das Dach noch original ist, ist es fällig.

Haustechnik am Ende. Verzinkte Stahlleitungen sind zugewachsen oder durchgerostet, alte Ölkessel unwirtschaftlich, die Elektroinstallation hat zu wenige Stromkreise und oft keine Fehlerstromschutzschalter. Für sehr alte Heizkessel können gesetzliche Austauschpflichten bestehen; den aktuellen Stand kennen Energieberatung und Bezirksschornsteinfeger.

Schadstoffe: die eigentliche Baustelle

Kein Haus dieser Jahrzehnte sollte ohne Schadstofferkundung entkernt werden. Das klingt dramatischer, als es in den meisten Fällen ist, aber Unwissen ist hier teuer und ungesund.

Stoff Typische Fundstellen in Häusern 1960–1980
Asbest, fest gebunden Wellplatten, Fassaden- und Dachplatten, Fensterbänke, Blumenkästen, Lüftungs- und Abwasserrohre aus Asbestzement
Asbest, weitere Produkte Flexplatten (Vinyl-Asbest-Fliesen) und deren schwarzer Kleber, PVC-Beläge mit Papprücken, Fliesenkleber, Spachtelmassen und Putze, Dichtschnüre, ältere Nachtspeicheröfen
PAK (Teer) Parkettkleber bis etwa in die 1970er, Abdichtungen, teils Kork- und Dämmstoffkleber
Holzschutzmittel (PCP, Lindan) Dachstühle, Holzdecken, Wandverkleidungen, Fertighauswände
Künstliche Mineralfasern alter Art Dach- und Wanddämmung, Trittschalldämmung, Rohrisolierung
Formaldehyd Spanplatten in Fertighäusern, Einbaumöbeln, Deckenverkleidungen
PCB dauerelastische Fugenmassen, Kondensatoren – im Einfamilienhaus seltener als in öffentlichen Bauten

Einige Eckdaten zur Einordnung, jeweils als Näherung: Holzschutzmittel mit PCP wurden in Deutschland 1989 verboten, Asbestprodukte 1993. Mineralwolle gilt erst ab etwa Mitte der 1990er als gesundheitlich unbedenklich im heutigen Sinn. Alles, was vorher eingebaut wurde, steht unter Verdacht, bis es geprüft ist.

Wichtig ist der Unterschied zwischen Vorhandensein und Gefahr. Eine unbeschädigte Asbestzementplatte am Giebel gibt kaum Fasern ab; gefährlich wird sie beim Bohren, Brechen, Hochdruckreinigen. Alte Mineralwolle hinter einer dichten Verkleidung belastet die Raumluft nicht, beim Herausreißen aber massiv. Holzschutzmittel dagegen gasen über Jahrzehnte aus und reichern sich im Hausstaub an – hier kann schon das Bewohnen ein Thema sein.

Für dich heißt das: keine Probe selbst herausbrechen, keine Böden auf Verdacht abschleifen, keine Platten selbst abschrauben. Beauftrage eine Schadstofferkundung bei einem Sachverständigen, am besten vor dem Kauf oder als Bedingung im Kaufprozess. Rückbau und Entsorgung von Asbest und alter Mineralwolle sind Betrieben mit entsprechender Sachkunde vorbehalten. Details und Vorgehen stehen unter Schadstoffe im Altbau, zur Wahl der richtigen Fachleute unter Bestandsaufnahme: wer prüft was?.

Was das für die Sanierung heißt

Ist die Schadstofffrage geklärt und eingepreist, sind diese Häuser gute Sanierungsobjekte: tragfähig, trocken, unterkellert, mit brauchbaren Grundrissen und fast nie denkmalgeschützt.

  • Reihenfolge einhalten. Erst Schadstoffsanierung, dann Rohinstallation, dann Hülle und Ausbau. Wer die Schadstoffe „unterwegs” entdeckt, steht mit stillgelegter Baustelle da.
  • Hülle als Ganzes denken. Fenstertausch ohne Blick auf Wand, Rollladenkasten und Lüftung produziert Schimmel. Sinnvoll ist ein Sanierungsfahrplan, der Dach, Fassade, Fenster und Kellerdecke aufeinander abstimmt – auch wenn in Etappen gebaut wird. Zum Lüftungsverhalten danach: Lüften und Raumklima.
  • Balkon lösen. Die durchbetonierte Balkonplatte lässt sich entweder rundum einpacken, was selten gut aussieht, oder abtrennen und durch einen vorgestellten Balkon ersetzen. Beides braucht Statik.
  • Heizkörpernischen und Rollladenkästen werden gedämmt, ausgemauert oder durch gedämmte Kästen ersetzt.
  • Dach. Meist steht ohnehin eine Neueindeckung an. Dann wird von außen gedämmt und die alte Mineralwolle fachgerecht entfernt; siehe Dach sanieren und dämmen.
  • Heizung. Nach Verbesserung der Hülle sind diese Häuser mit ihren Betondecken und üblichen Heizkörpergrößen oft gut für niedrigere Vorlauftemperaturen geeignet. Der alte Öltank muss fachgerecht stillgelegt und entsorgt werden.

Kurz gesagt

  • Häuser von 1960 bis 1980 sind statisch solide, unterkellert und großzügiger als alles davor – aber energetisch schwach und voller Wärmebrücken.
  • Erkennungszeichen: große sprossenlose Fenster, Rollladenkästen, durchlaufende Betonbalkone, Heizkörpernischen, Holzpaneeldecken.
  • Es ist die Hochphase von Asbest, Teerklebern, PCP-haltigen Holzschutzmitteln, alter Mineralwolle und formaldehydreichen Spanplatten.
  • Vor Kauf oder spätestens vor dem ersten Hammerschlag: Schadstofferkundung durch Sachverständige. Rückbau nur durch Fachbetriebe.
  • Danach lässt sich so ein Haus mit einem abgestimmten Konzept für Hülle, Lüftung und Heizung sehr gut auf heutigen Stand bringen.

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