Wie alte Mauerziegel hergestellt wurden, was Format und Oberfläche über das Baualter verraten, wie Ziegel mit Feuchte umgehen und wie du sie reparierst.
Wo es keinen brauchbaren Stein gab, aber Lehm, hat man den Stein eben gebacken. Im Süden sagt man Ziegel, im Norden Backstein, gemeint ist dasselbe: ein aus Lehm oder Ton geformter und gebrannter Mauerstein. In den steinarmen Gegenden Bayerns, vom niederbayerischen Hügelland über die Donauebene bis nach Schwaben, ist er seit Jahrhunderten das wichtigste Wandmaterial. Dieser Beitrag behandelt den Mauerziegel; die Dachziegel findest du unter Dachdeckungen.
Vom Handstrich zur Maschine
Handstrichziegel: Bis weit ins 19. Jahrhundert wurde jeder Ziegel einzeln gemacht. Der Ziegler warf einen Batzen aufbereiteten Lehm in eine Holzform, strich den Überstand mit einem Holz oder der Hand ab (daher „Handstrich”) und kippte den Rohling zum Trocknen aus. Gebrannt wurde in einfachen Feldbrandöfen oder Meilern, oft direkt neben der Lehmgrube und manchmal nur für ein einziges Bauvorhaben.
Das Ergebnis erkennst du sofort: leicht unterschiedliche Größen, verzogene Kanten, Streichspuren auf der Oberseite, gelegentlich Fingerabdrücke oder der Pfotenabdruck einer Katze, die über die Trockenfläche gelaufen ist. Weil die Hitze im Feldbrand ungleich verteilt war, schwankt die Qualität stark. Aus demselben Brand kommen blasse, weiche, stark saugende Steine vom Rand und dunkle, fast verglaste Steine aus der Mitte. Gute Maurer haben sortiert: die harten nach außen und in den Sockel, die weichen nach innen.
Maschinenziegel: Ab etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts veränderten zwei Erfindungen alles. Die Strangpresse drückt den Ton als endlosen Strang durch ein Mundstück, von dem die Rohlinge mit Draht abgeschnitten werden. Der Ringofen, verbreitet ab etwa den 1860er-Jahren, brennt ununterbrochen und gleichmäßig. Ziegel wurden damit billig, maßhaltig und überall verfügbar. Mit der Eisenbahn kamen sie auch in Dörfer ohne eigene Ziegelei. Maschinenziegel haben scharfe Kanten, glatte Flächen und oft feine Schnitt- oder Pressriefen, manchmal einen Ziegeleistempel.
Ungebrannte, nur luftgetrocknete Steine sind kein Ziegel, sondern Lehmsteine. Sie wurden für Innenwände und Ausfachungen verwendet und sehen unter Putz ähnlich aus, zerfallen aber in Wasser. Mehr dazu unter Lehm.
Formate als Datierungshilfe
| Format | Maße etwa (L × B × H) | Zeitraum grob |
|---|---|---|
| Klosterformat | 28–30 × 13–15 × 7–9 cm | Mittelalter bis frühe Neuzeit |
| Regionale Handstrichformate | uneinheitlich, oft groß und eher flach | bis ins 19. Jahrhundert |
| Altes bayerisches Format | rund 29 × 14 × 6,5 cm | 19. bis frühes 20. Jahrhundert |
| Reichsformat | 25 × 12 × 6,5 cm | ab 1872, verbreitet bis etwa 1950 |
| Normalformat | 24 × 11,5 × 7,1 cm | ab etwa 1950 |
Das Reichsformat wurde 1872 zunächst für staatliche Bauten eingeführt und setzte sich nach und nach durch. In Bayern blieben größere Formate noch länger in Gebrauch, und die Übergänge sind fließend. Nimm das Format deshalb als Indiz, nicht als Beweis. Ziegel wurden außerdem immer wiederverwendet. Ein Stall von 1920 kann aus den Steinen eines abgebrochenen Hauses von 1780 gemauert sein. Wie du solche Hinweise mit anderen kombinierst, steht unter Baualter bestimmen.
Im 20. Jahrhundert kamen Lochziegel und größere Blockformate dazu, nach 1945 in der Not auch geputzte Trümmerziegel, Schlacken- und Bimssteine.
Eigenschaften
- Festigkeit: Hängt völlig vom Brand ab. Ein hart gebrannter alter Ziegel trägt problemlos, ein schwach gebrannter lässt sich mit dem Schraubenzieher ankratzen. Die Klangprobe hilft: Zwei Ziegel aneinanderschlagen oder mit dem Hammer anklopfen. Ein heller Klang spricht für einen guten Brand, ein dumpfer für weiches Material oder einen Riss.
- Feuchteverhalten: Ziegel ist porös und kapillar saugend. Er nimmt flüssiges Wasser auf, verteilt es und gibt es an der Oberfläche wieder ab. Zusammen mit Kalkmörtel und Kalkputz ergibt das eine Wand, die nass werden darf, weil sie zuverlässig wieder trocknet.
- Diffusion: Wasserdampf wandert leicht durch Ziegelmauerwerk.
- Wärme: Vollziegel speichern Wärme hervorragend und dämmen schlecht. Eine dicke Ziegelwand ist träge und behaglich, aber kein Wärmeschutz nach heutigen Maßstäben.
- Frost: Gut gebrannte Ziegel sind frostfest. Schwach gebrannte sind es nicht, wenn sie durchnässt sind. Dann platzt die Oberfläche schalenförmig ab.
- Salze: In der Sockelzone und in Ställen reichern sich Salze in den Poren an, kristallisieren beim Trocknen und zermürben den Stein von außen. Der Ziegel wird mehlig und sandet ab. Alles dazu unter Salze und Ausblühungen.
Wo du Ziegel im alten Haus findest
- Wände: Meist verputzt. Sichtziegel kommen auf dem Land vor allem ab dem späten 19. Jahrhundert vor, an Ställen, Wirtschaftsgebäuden, Bahnhöfen und Gründerzeithäusern. Die Wanddicke ergibt sich aus dem Ziegelmaß: ein halber Stein, ein Stein, anderthalb Steine. Läufer (längs liegend) und Binder (quer liegend) wechseln im Verband ab, damit keine durchgehenden Fugen entstehen.
- Kamine und Brandwände: Auch in Holzhäusern ist der Kamin gemauert.
- Stürze und Bögen: Über Fenstern und Türen sitzen flache Segmentbögen oder waagrechte „scheitrechte” Stürze aus hochkant gestellten Ziegeln.
- Gewölbe und Decken: Kellergewölbe, Stallgewölbe und die flachen Kappen zwischen Stahlträgern. Siehe Gewölbe und Kappendecken.
- Böden: Ziegelpflaster in Flez, Küche, Speis und Stall, im Sandbett oder in Kalkmörtel verlegt.
- Ausfachungen: Jüngere oder reparierte Fachwerkfelder sind oft mit Ziegeln ausgemauert.
Reparieren und Sanieren
Die Grundregel ist dieselbe wie beim Naturstein: Der Mörtel muss weicher sein als der Stein. Für alte Ziegel heißt das Kalkmörtel. Zementmörtel ist härter und dichter als jeder Handstrichziegel. Die Feuchte verdunstet dann über den Stein statt über die Fuge, der Ziegel wittert zurück, und die Zementfugen bleiben als Gitter stehen. Warum das so ist, erklärt der Beitrag Zement im Altbau.
Das kannst du selbst:
- Einzelne ausgewitterte Fugen mit Kalkmörtel schließen. Altmörtel von Hand auskratzen, vornässen, neu verfugen, feucht halten.
- Abbruchziegel putzen und wiederverwenden. Alter Kalkmörtel lässt sich mit dem Maurerhammer leicht abklopfen. An Zementmörtel scheitert das, der Ziegel bricht vorher. Das ist ganz nebenbei ein gutes Argument für Kalk.
- Ziegelpflaster aufnehmen und neu verlegen.
- Einzelne zerstörte Steine in nicht tragenden Bereichen herausstemmen und durch passende Altziegel ersetzen. Passend heißt: gleiches Format, ähnliche Farbe, ähnliche Saugfähigkeit. Altziegel gibt es im historischen Baustoffhandel und oft beim Nachbarn, der gerade einen Schuppen abreißt.
Das machen Fachleute: alles an tragenden Wänden, neue Öffnungen, Stürze und Bögen, Gewölbe, Risse mit Versatz sowie der Kamin, bei dem ohnehin der Kaminkehrer mitredet. Bei durchfeuchteten oder versalzenen Wänden steht vor jeder Reparatur die Frage nach der Ursache.
Typische Fehler
- Sandstrahlen von Sichtziegeln. Beim Brennen entsteht an der Oberfläche eine dichtere, härtere Brennhaut. Wird sie weggestrahlt, liegt der weichere Kern frei, saugt stärker und verwittert schneller.
- Zementfugen und Zementputz auf altem Ziegelmauerwerk.
- Dichte Anstriche und Imprägnierungen. Kunstharzfarben auf Ziegelwänden sperren Feuchte ein, dahinter friert der Stein auf. Hydrophobierungen können bei Rissen und Salzen mehr schaden als nützen und gehören in die Hand von Fachleuten.
- Falsche Ersatzsteine. Ein moderner, harter Klinker zwischen weichen Handstrichziegeln bleibt optisch und bauphysikalisch ein Fremdkörper.
- Handstrichziegel entsorgen. Sie sind gesuchtes Material, für die eigene Reparatur ebenso wie für andere.
Kurz gesagt
- Handstrichziegel sind unregelmäßig und sehr unterschiedlich hart, Maschinenziegel ab etwa 1860 gleichmäßig und scharfkantig.
- Das Format gibt einen Hinweis aufs Baualter, mehr nicht. Ziegel wurden immer wiederverwendet.
- Ziegel saugt Wasser und gibt es wieder ab. Das funktioniert nur mit Kalkmörtel, Kalkputz und offenen Anstrichen.
- Schwach gebrannte Ziegel leiden unter Frost und Salz, vor allem am Sockel und im Stall.
- Nie sandstrahlen, nie mit Zement verfugen.
- Altziegel aufheben. Passenden Ersatz zu finden, ist mühsamer, als sie zu putzen.