Zum Inhalt springen

Materialien7 Minuten

Zement im Altbau: warum gut gemeint oft schadet

Licht

Warum Zementputz und Zementmörtel an Bruchstein, Fachwerk und Sockel Schäden verursachen, wie du Zement erkennst und wie der Rückbau schonend gelingt.

Zement ist ein großartiger Baustoff. Ohne ihn gäbe es keine Brücken, keine Bodenplatten und keine Fundamente, auf die man sich verlassen kann. Das Problem beginnt dort, wo er auf Wände trifft, die nach ganz anderen Regeln gebaut wurden. Dann wird aus dem festen, dichten, dauerhaften Material genau deshalb ein Schadensverursacher: weil es fest, dicht und dauerhaft ist.

Wie der Zement ins alte Haus kam

Portlandzement wurde im 19. Jahrhundert entwickelt und industriell hergestellt. Auf dem Dorf kam er so richtig erst im 20. Jahrhundert an, in großem Stil nach 1945. Er band schnell ab, wurde hart wie Stein, war im Sack lagerbar und galt als modern. Kalk dagegen galt als Arme-Leute-Material von gestern. Also wurde jahrzehntelang mit Zement repariert, was vorher mit Kalk und Lehm gebaut war: bröselnde Sockel verputzt, Bruchsteinfugen ausgeschmiert, Fachwerkfelder ausgemauert und überputzt, Stallwände „saniert”, Stubenböden betoniert. Alles in bester Absicht. Die Folgen zeigen sich oft erst nach 20 oder 30 Jahren.

Eine Randnotiz: Im späten 19. Jahrhundert wurde für Fassadenschmuck und Putze auch sogenannter Romanzement verwendet, ein natürlich hydraulisches Bindemittel, das mit modernem Portlandzement wenig zu tun hat. Solche Fassaden sind erhaltenswert. Wer ein Gründerzeithaus mit bräunlichem, hartem Stuck hat, fragt vor dem Abschlagen einen Restaurator.

Warum Zement alten Wänden schadet

Eigenschaft Kalkmörtel und Kalkputz Zementmörtel und Zementputz
Festigkeit gering bis mittel, weicher als der Stein hoch, oft härter als der Stein
Verformbarkeit macht Bewegungen mit starr, reißt oder schert ab
Wassertransport saugt und gibt schnell wieder ab nimmt langsam auf, gibt sehr langsam ab
Dampfdurchlässigkeit hoch deutlich geringer
Salze bringt keine mit, dient als Opferschicht bringt lösliche Salze mit
Rückbau leicht, Steine bleiben heil schwer, reißt oft Substanz mit

Zu hart und zu starr

Eine alte Wand bewegt sich. Sie dehnt sich in der Sonne, zieht sich im Frost zusammen, quillt und schwindet mit der Feuchte und hat sich über Jahrhunderte gesetzt. Kalkmörtel und Lehm machen das mit. Zementputz ist steifer als alles, worauf er sitzt. Er kann die Bewegungen nicht mitgehen, reißt und löst sich als hohl liegende Schale vom weichen Untergrund. Durch die Risse läuft Regenwasser hinter den Putz.

Zu dicht

Hier liegt der eigentliche Schaden. In fast jeder alten Wand ist Feuchte unterwegs: aus dem Boden, vom Schlagregen, aus der Raumluft. Kalkputz und Kalkfugen holen sie kapillar an die Oberfläche und lassen sie verdunsten. Zement leitet flüssiges Wasser viel schlechter nach außen und bremst auch den Wasserdampf stärker. Was durch Risse und Fehlstellen eindringt, kommt nicht mehr heraus. Die Wand dahinter wird nasser, als sie es ohne jeden Putz wäre.

Die Verdunstung sucht sich einen anderen Weg

Feuchte verdunstet immer dort, wo es ihr am leichtesten fällt. In einer kalkverfugten Mauer ist das die Fuge. Sie ist das Verschleißteil und wird alle paar Generationen erneuert. Verfugt man mit Zement, ist plötzlich der Stein oder Ziegel die durchlässigste Stelle. Dort kristallisieren jetzt die Salze, dort greift der Frost an. Das Ergebnis sieht man an vielen Stadelwänden: Die Steine sind zentimetertief zurückgewittert, die Zementfugen stehen als Gitter davor.

Salze

Zement bringt lösliche Salze mit, die im alten Mauerwerk vorher nicht vorhanden waren. Trifft er außerdem auf gipshaltige Altmörtel oder sulfatbelastetes Mauerwerk, können bei Feuchte treibende Mineralien entstehen, die Putz und Fugen regelrecht absprengen. Was Salze in der Wand anrichten, erklärt der Beitrag Salze und Ausblühungen.

Nicht mehr rückgängig zu machen

Kalkmörtel lässt sich vom Ziegel abklopfen, der Stein ist danach wieder verwendbar. Zement klebt oft so fest, dass beim Abschlagen die Steinoberfläche mitkommt. Eine Reparatur, die sich nicht ohne Schaden wieder entfernen lässt, widerspricht dem Grundsatz jeder guten Altbausanierung.

Drei Stellen, an denen es besonders wehtut

Bruchstein: Bruchsteinwände sind oft zweischalig mit einem Kern aus Steinbrocken und Kalk- oder Lehmmörtel. Eine Zementverfugung oder ein Zementputz macht außen dicht, während innen der weiche Kern feucht bleibt und bei Lehmmörtel langsam ausgewaschen wird. Im Winter friert das eingeschlossene Wasser, die Außenschale löst sich, die Wand bekommt einen Bauch.

Fachwerk: Holz arbeitet mit jeder Jahreszeit. Zwischen Balken und starrem Zementgefach oder Zementputz öffnet sich zwangsläufig eine Fuge. Schlagregen läuft hinein und wird von dichtem Putz und Zementmörtel am Verdunsten gehindert. Das Holz bleibt dauerfeucht und fault, und zwar verdeckt, von der Rückseite und an den Zapfen. Bei überputztem Fachwerk merkt man es oft erst, wenn der Schaden groß ist. Wie es richtig geht, steht unter Fachwerk.

Sockel: Der Sockel ist die nasseste Zone des Hauses, also hat man ihn besonders gründlich „abgedichtet”: Zementsperrputz, gern noch mit Bitumenanstrich, Fliesen oder Klinkerriemchen. Die Bodenfeuchte kann dort nicht mehr verdunsten und steigt in der Wand höher, bis sie oberhalb des Sperrputzes einen Ausgang findet. Dort entsteht dann der typische Feuchte- und Salzrand, innen wie außen. Das Gleiche passiert mit dem betonierten Boden in einem vorher offenen Erdgeschoss: Die Feuchte, die früher über die ganze Bodenfläche verdunstet ist, drängt jetzt in die Wände. Mehr dazu unter Fundament und Sockel und Mauerwerk trockenlegen.

Woran du Zement erkennst

  • Farbe: Grau bis dunkelgrau, manchmal leicht bläulich oder grünlich. Kalkputz ist weiß, cremefarben oder sandfarben. Aber Vorsicht, dunkler Sand kann auch Kalkputz grau färben.
  • Härte: Mit Schraubenzieher oder Nagel lässt sich Zementputz kaum ritzen. Kalk gibt nach und sandet, Lehm sowieso.
  • Klang: Zementputz klingt beim Anklopfen hell und hart. Klingt er hohl, hat er sich bereits als Schale gelöst.
  • Bruch: Zementputz bricht scharfkantig in festen Schollen, Kalkputz bröselt.
  • Schadensbild: Netzrisse, großflächig hohl liegende Partien, ein Feuchtehorizont oberhalb des Sockelputzes, Ausblühungen direkt über der dichten Zone, zurückgewitterte Steine zwischen vorstehenden Fugen.

Dazwischen liegt der Kalkzementputz, der Standardputz etwa der 1950er- bis 1980er-Jahre: hellgrau, mittelhart. Er ist weniger problematisch als reiner Zementputz, am Fachwerk und an feuchten Sockeln aber ebenfalls zu hart und zu dicht. Wer es genau wissen will oder muss, lässt eine Probe im Labor untersuchen.

Rückbau mit Augenmaß

Nicht jeder Zementputz muss sofort herunter. Ein fest sitzender Kalkzementputz auf einer trockenen Ziegelwand, der keine Schäden zeigt, kann bleiben. Vorrang haben Sockelzonen mit Feuchteproblemen, überputztes oder zementverfugtes Fachwerk, Bruchstein- und Natursteinwände sowie alle hohl liegenden Flächen.

So gehst du vor:

  1. Probefläche anlegen. An einer kleinen Stelle testen, wie fest der Putz sitzt und was darunter zum Vorschein kommt.
  2. Von Hand arbeiten. Hammer und flach angesetzter Meißel, in kleinen Stücken. Hohl liegender Putz fällt fast von selbst. Schwere Abbruchhämmer erschüttern altes Mauerwerk und lockern mehr als nur den Putz.
  3. Fugen vorsichtig ausräumen. Zementfugen in kleinen Abschnitten herausarbeiten, ohne die Steinkanten zu beschädigen. Der Winkelschleifer ist dafür das falsche Werkzeug: Er verbreitert die Fugen und schneidet in den Stein.
  4. Aufhören, wenn der Rückbau mehr zerstört als der Zement. Haftet der Putz so fest, dass die Ziegeloberfläche mit abreißt, ist es oft besser, ihn vorerst zu lassen und die Stelle zu beobachten. Diese Entscheidung triffst du am besten zusammen mit jemandem, der Erfahrung hat.
  5. Trocknen lassen. Freigelegtes Mauerwerk braucht Wochen bis Monate. Dann wird beurteilt, wie salzbelastet es ist und womit neu verputzt wird. In der Regel ist das ein Kalkputz, siehe Kalk.

Zum Arbeitsschutz: Putzabschlagen erzeugt feinen mineralischen Staub, der der Lunge schadet. Eine gute Atemschutzmaske, Schutzbrille und Gehörschutz sind Pflicht, dazu Staubschutzwände zum bewohnten Bereich. Und bei Gebäuden und Umbauten aus der Zeit von etwa 1960 bis in die frühen 1990er können Putze, Spachtelmassen und Kleber Asbest enthalten. Dort kommt vor dem ersten Hammerschlag eine Probe ins Labor. Näheres unter Schadstoffe im Altbau.

Fachleute brauchst du, sobald hinter dem Zement geschädigtes Holz auftaucht, eine Bruchsteinwand ausbaucht, Betonteile tragende Aufgaben übernommen haben oder ein Denkmal betroffen ist. Wer dafür kein Team findet: Sanierung anfragen.

Wo Zement richtig ist

Für neue Fundamente, Unterfangungen, Stahlbetonteile, Bodenplatten in Anbauten, Abwasserschächte und überall dort, wo hohe Festigkeit und Wasserdichtheit wirklich gefragt sind, bleibt Zement das richtige Material. Auch im Altbau. Entscheidend ist, dass er nicht mit weichem, feuchtem, historischem Mauerwerk oder Holz zu einem Verbund gezwungen wird, der beiden nicht bekommt.

Kurz gesagt

  • Zement ist härter, starrer und dichter als alles, woraus alte Wände bestehen. Genau das macht ihn dort zum Problem.
  • Er sperrt Feuchte ein, verlagert Verdunstung und Salze in den Stein und bringt Holz hinter dem Putz zum Faulen.
  • Besonders kritisch: Bruchstein, Fachwerk und Sockel.
  • Erkennen: grau, hart, kaum ritzbar, heller Klang, scharfkantiger Bruch, Feuchterand oberhalb.
  • Rückbau von Hand, in kleinen Schritten und nur so weit, wie er mehr nützt als schadet. Atemschutz tragen, bei Bauteilen aus den 1960ern bis 1990ern vorher auf Asbest prüfen lassen.
  • Danach trocknen lassen und mit Kalk weiterarbeiten.

Weiterführend