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Kalk: Putz, Mörtel und Farbe

Licht

Luftkalk, Sumpfkalk, hydraulischer Kalk: wie das wichtigste Bindemittel alter Häuser funktioniert, woran du es erkennst und wie du es verarbeitest.

Fast jedes Haus, das vor etwa 1900 gebaut wurde, hält buchstäblich mit Kalk zusammen: im Mauermörtel, im Putz und in unzähligen Schichten Tünche. Wer Kalk versteht, versteht auch, warum alte Wände Feuchte wegstecken, die einen Neubau ruinieren würde – und warum so manche gut gemeinte Sanierung der letzten Jahrzehnte schiefgegangen ist.

Vom Stein zum Stein: der Kalkkreislauf

Kalk wird aus Kalkstein gewonnen. Der Stein wird bei etwa 900 bis 1.000 Grad gebrannt, dabei entweicht Kohlendioxid, übrig bleibt Branntkalk. Gibt man Wasser dazu, reagiert er heftig und unter großer Hitze zu Kalkhydrat – das ist das „Löschen”. Mit Sand und Wasser angemacht, wird daraus Mörtel oder Putz.

An der Wand läuft der Vorgang rückwärts: Der Kalk nimmt Kohlendioxid aus der Luft auf und wird wieder zu Kalkstein. Fachleute nennen das Karbonatisierung. Sie läuft langsam von außen nach innen und braucht beides, Luft und etwas Feuchte. Die Oberfläche ist nach Tagen bis Wochen fest, dicke Schichten brauchen Monate, tief im Mauerwerk auch Jahre. Aus dieser Langsamkeit folgt fast jede Verarbeitungsregel weiter unten.

Welcher Kalk ist welcher?

Kalkart Erhärtung Festigkeit Typischer Einsatz
Sumpfkalk (nass gelöscht, eingesumpft) nur an der Luft gering Kalkfarbe, Feinputz, Restaurierung
Kalkhydrat (Pulver, Sackware) nur an der Luft gering Innenputz, Mauermörtel, geschützte Außenflächen
Natürlicher hydraulischer Kalk (NHL) mit Wasser und an der Luft mittel, je nach Klasse Außenputz, Sockel, Fugen, feuchtebelastete Bereiche
Zum Vergleich: Zement mit Wasser hoch bis sehr hoch Beton und Neubau, am Altbau meist fehl am Platz

Luftkalk ist der Oberbegriff für alle Kalke, die nur durch Karbonatisierung hart werden. Dazu gehört das Kalkhydrat aus dem Sack ebenso wie der Sumpfkalk: Branntkalk, der mit Wasserüberschuss gelöscht und dann als Teig in Gruben gelagert wird, oft über Jahre. Je länger er sumpft, desto feiner und geschmeidiger wird er. Auf vielen Höfen gab es eine Kalkgrube, aus der Generationen geschöpft haben. Sumpfkalk ist das Material für Kalkfarbe und feine Putze.

Natürlicher hydraulischer Kalk, kurz NHL, wird aus Kalkstein gebrannt, der von Natur aus Tonanteile enthält (Kalkmergel). „Hydraulisch” heißt: Ein Teil des Bindemittels erhärtet durch die Reaktion mit Wasser, also auch ohne Luftzutritt und in feuchter Umgebung. Der Rest karbonatisiert wie Luftkalk. Die Zahl hinter dem Kürzel – NHL 2, NHL 3,5, NHL 5 – steht grob für die Druckfestigkeit. Für alte Mauern sind meist die weicheren Klassen richtig; NHL 5 ist für viele historische Untergründe schon recht hart.

Achtung beim Einkauf: Steht auf dem Sack nur „hydraulischer Kalk” oder „Kalkputz”, können Zementanteile oder andere Zusätze drin sein. Das technische Datenblatt lesen und im Zweifel beim Baustoffhandel nachbohren.

Historische Mörtel wurden oft direkt auf der Baustelle gemischt, teils indem Branntkalk zusammen mit feuchtem Sand gelöscht wurde. Solche Mörtel erkennst du an kleinen weißen Klümpchen, den „Kalkspatzen”. Sie sind kein Mangel, sondern ein Echtheitszeichen.

Was Kalk kann

  • Weich und nachgiebig: Kalkmörtel ist deutlich weicher als Zementmörtel. Das ist gewollt. Alte Wände bewegen sich mit Temperatur, Feuchte und Setzungen, und Kalk macht das mit, statt zu reißen oder abzuscheren. Feine Risse können sich sogar teilweise wieder schließen, weil gelöster Kalk nachwandert.
  • Kapillaraktiv: Kapillarität heißt, dass feine Poren flüssiges Wasser aufsaugen und weiterleiten wie ein Docht. Kalkputz holt Feuchte aus der Wand an die Oberfläche, wo sie verdunstet.
  • Diffusionsoffen: Auch Wasserdampf wandert fast ungehindert durch. Die Wand kann in beide Richtungen trocknen.
  • Alkalisch: Frischer Kalk hat einen sehr hohen pH-Wert. Schimmel und Bakterien mögen das nicht. Deshalb wurden Ställe, Keller und Speisekammern regelmäßig geweißelt.
  • Opferbereit: Bei salzbelasteten Wänden lagern sich die Salze im Putz ab statt im Stein. Der Putz geht irgendwann kaputt und wird erneuert, die Mauer bleibt. Mehr dazu unter Salze und Ausblühungen.

Der Preis dafür: Kalk ist nicht besonders fest, nicht wasserdicht und braucht Pflege. Ein Kalkanstrich an der Wetterseite will alle paar Jahre aufgefrischt werden. Früher gehörte das zum Jahreslauf wie das Heumachen.

Wo du Kalk findest und woran du ihn erkennst

Im alten Haus steckt Kalk im Fugen- und Mauermörtel von Bruchstein- und Ziegelwänden, im Außen- und Innenputz, in Deckenputzen auf Schilfrohr, in Kalkestrichen und in der Tünche. Auch die Ausfachungen im Fachwerk tragen außen meist einen Kalkputz.

Erkennungszeichen: Kalkputz ist hell, von weiß über cremefarben bis sandgrau, je nach Sand. Er lässt sich mit einem Nagel oder Schlüssel ritzen und sandet dabei leicht ab. Zementputz ist grauer, hart und klingt beim Anklopfen hell. Alte Kalkanstriche liegen oft in vielen dünnen Schichten übereinander, kreiden leicht ab und werden beim Anfeuchten dunkler, weil sie Wasser aufsaugen. Auf einem Kunstharzanstrich bleibt der Tropfen dagegen stehen.

Verarbeitung heute

Zuerst die Sicherheit: Kalk ist stark alkalisch und ätzt Haut und vor allem Augen. Schutzbrille, Handschuhe und lange Kleidung sind Pflicht, auch beim Streichen über Kopf, gerade da. Kommt ein Spritzer ins Auge: sofort lange mit viel sauberem Wasser spülen und ärztlich abklären lassen. Eine Flasche Wasser gehört griffbereit neben den Eimer. Branntkalk selbst zu löschen, ist nichts für Laien: Die Reaktion ist heftig, heiß und spritzt.

Die Grundregeln folgen aus der Karbonatisierung:

  1. Untergrund vornässen. Eine trockene, saugende Wand zieht dem frischen Putz das Wasser weg. Er „verbrennt”, bleibt mürbe und sandet später ab.
  2. Dünne Lagen, Geduld dazwischen. Als Faustregel vieler Putzer gilt etwa ein Tag Standzeit pro Millimeter Putzdicke, bevor die nächste Lage kommt. Bei kühlem, feuchtem Wetter länger.
  3. Feucht halten. Frischen Kalkputz einige Tage lang mit der Sprühflasche oder dem Quast nachnässen. Pralle Sonne und Wind sind Gift, notfalls die Fassade verhängen.
  4. Kein Frost. Unter etwa fünf Grad nicht mehr verarbeiten. Außenputz gehört ins Frühjahr oder in den frühen Herbst, damit er vor dem Winter durchhärten kann.
  5. Kalkfarbe dünn auftragen. Eher wie Magermilch als wie Joghurt, dafür drei bis fünf Anstriche. Nass ist sie fast durchsichtig und deckt erst beim Trocknen. Am besten hält sie auf frischem Kalkputz, in den sie mit einbindet.

Was du selbst gut kannst: Innenwände kalken, kleine Putzschäden ausbessern, Fugen mit fertig gemischtem Kalkmörtel nacharbeiten. Den kompletten Außenputz, Putz auf Fachwerk, größere Flächen an der Wetterseite und alles an einem Denkmal sollten Leute machen, die regelmäßig mit Kalk arbeiten. Das ist längst nicht jeder Verputzer, frag gezielt nach Referenzen. Details zum Putzaufbau stehen im Beitrag Putz und Fassade.

Verträglichkeit mit anderen Materialien

Kalk versteht sich mit allem, was ähnlich weich und offen ist: Ziegel, Naturstein, Holz mit Putzträger und Lehm. Auf Lehm haftet Kalkputz nur mechanisch, der Untergrund muss also rau sein; ein Kalkanstrich direkt auf Lehmputz ist dagegen altbewährt. Anstriche auf Kalkputz sollten mineralisch bleiben, also Kalk- oder Silikatfarbe. Welche wohin passt, steht unter Historische Anstriche.

Schwierig wird es mit Gips und Zement. Historische Innenputze enthalten oft Gips, und gipshaltige Altputze vertragen sich bei Feuchte schlecht mit hydraulischen Bindemitteln. Es können treibende Mineralien entstehen, die den Putz absprengen. Wer nicht weiß, was an der Wand ist, lässt eine Probe untersuchen. Warum Zement am Altbau generell ein Problem ist, erklärt der Beitrag Zement im Altbau.

Typische Fehler

  • „Zur Sicherheit” eine Schaufel Zement in den Kalkmörtel. Damit sind die guten Eigenschaften dahin.
  • Zu dick, zu schnell, nicht nachgenässt. Das Ergebnis sandet oder reißt.
  • Verputzen im Spätherbst. Der erste Frost sprengt den noch weichen Putz ab.
  • Dispersionsfarbe auf Kalkputz. Der Kunstharzfilm sperrt die Feuchte ein und blättert später in Fetzen ab.
  • Kalkfarbe auf alte Dispersionsfarbe. Sie hält dort schlicht nicht.
  • Falscher Sand. Zu feiner oder lehmiger Sand gibt Schwindrisse, gewaschener, gut abgestufter Sand ist die halbe Miete.

Kurz gesagt

  • Kalk erhärtet langsam durch Kohlendioxid aus der Luft; Geduld und Feuchthalten sind die wichtigsten Werkzeuge.
  • Luftkalk und Sumpfkalk für innen, Farbe und geschützte Flächen; natürlicher hydraulischer Kalk für Wetterseiten, Sockel und Fugen.
  • Kalk ist weich, kapillaraktiv und diffusionsoffen – genau deshalb passt er zu alten Wänden.
  • Immer mit Schutzbrille und Handschuhen arbeiten, Wasser zum Augenspülen bereithalten.
  • Kein Zement dazu, keine Dispersionsfarbe drauf.
  • Datenblatt lesen: Nicht überall, wo Kalk draufsteht, ist nur Kalk drin.

Weiterführend