Kapillaraktiv oder mit Dampfbremse, Balkenköpfe, einbindende Wände, Schlagregen: worauf es ankommt, damit die Innendämmung die Wand nicht ruiniert.
Innendämmung hat einen schlechten Ruf, und den hat sie sich redlich verdient: durch Polystyrolplatten auf feuchten Wänden, Gipskarton-Vorsatzschalen mit löchriger Folie und verfaulte Balkenköpfe. Richtig geplant ist sie trotzdem oft die einzige Möglichkeit, ein Haus mit erhaltenswerter Fassade wärmer zu bekommen. Der Unterschied zwischen beiden Welten heißt Feuchteschutz.
Wann Innendämmung überhaupt in Frage kommt
Außen dämmen ist bauphysikalisch einfacher, weil die Wand warm und trocken bleibt. Innen dämmt man, wenn außen nicht geht oder nicht sein soll: Sichtfachwerk, Blockbau, Bundwerk, Naturstein, gegliederte Putzfassaden, Denkmalschutz, Grenzbebauung, knappe Dachüberstände. Bei dicken Bruchstein- oder Ziegelwänden lohnt zuerst die nüchterne Frage, ob Dach, oberste Geschossdecke, Fenster und Heizung nicht mehr bringen als die Wand. Oft lautet die Antwort ja.
Was in der Wand passiert
Mit einer Innendämmung rückt die alte Wand auf die kalte Seite. Das hat drei Folgen:
- Die Wand wird kälter. Feuchte aus der Raumluft, die bis zur alten Wandoberfläche vordringt, kann dort kondensieren – genau hinter der Dämmung, wo man es nicht sieht.
- Die Wand trocknet schlechter. Früher hat die Heizwärme die Wand von innen mitgetrocknet. Das fällt weg. Regen, der von außen eindringt, bleibt länger im Querschnitt.
- Frostgefahr steigt. Eine nasse, kalte Wand kann durch Frost Schaden nehmen, vor allem bei weichen Ziegeln und manchen Natursteinen.
Deshalb ist die wichtigste Voraussetzung keine Eigenschaft der Dämmung, sondern der Fassade: Schlagregenschutz. Der Außenputz muss intakt sein, Risse geschlossen, Anschlüsse an Fenster und Gesimse dicht, Dachüberstand und Rinnen in Ordnung. Aufsteigende oder seitlich eindringende Feuchte muss vorher behoben sein. Wer eine nasse Wand innen dämmt, packt das Problem in eine Tüte und wartet.
Zwei Wege: kapillaraktiv oder dampfbremsend
| Kapillaraktiv, diffusionsoffen | Mit Dampfbremse | Dampfdicht | |
|---|---|---|---|
| Prinzip | Material nimmt Feuchte auf, verteilt sie und gibt sie zum Raum zurück | Folie oder Bahn begrenzt den Feuchteeintrag in die Konstruktion | Dämmstoff selbst lässt keine Feuchte durch |
| Typische Materialien | Holzfaserplatten mit Lehm- oder Kalkputz, Calciumsilikat, Mineralschaum, Dämmputze, Schilfrohr | Faserdämmstoff zwischen Ständern, feuchtevariable Dampfbremse, Bekleidung | Schaumglas, vollflächig verklebt |
| Stärken | fehlertolerant, puffert Raumfeuchte, passt zu Lehm und Kalk | hohe Dämmwirkung bei schlankem Aufbau | unempfindlich gegen Feuchte |
| Schwächen | muss hohlraumfrei an der Wand sitzen, begrenzte Dämmstärken sinnvoll | jede Undichtheit ist ein Schadensrisiko, Wand trocknet kaum nach innen | Anschlüsse heikel, Wand trocknet nur nach außen |
Im Altbau auf dem Land hat sich der kapillaraktive Weg durchgesetzt, weil er Fehler verzeiht: Eine Steckdose, ein Dübel oder ein Haarriss führen nicht gleich zum Schaden. Entscheidend ist der vollflächige, hohlraumfreie Kontakt zur Wand. Alte Tapeten, Dispersionsfarben, Gipsputze und lose Schichten müssen herunter, Unebenheiten werden mit Ausgleichsputz egalisiert, die Platten ins Mörtelbett oder in Lehm gesetzt. Hinterlüftete Hohlräume sind Schimmelbrutkästen.
Der Weg mit Dampfbremse funktioniert ebenfalls, verlangt aber Handwerker, die Luftdichtheit wirklich beherrschen, und Bewohner, die später nicht unbedacht Löcher bohren. Feuchtevariable Bahnen, die im Sommer offener werden, entschärfen das Risiko, heben es aber nicht auf.
Welche Stoffe sich im Einzelnen eignen, steht unter Dämmstoffe, die zum Altbau passen.
Wie dick?
Mehr ist hier nicht besser. Die ersten Zentimeter bringen den größten Gewinn, jeder weitere macht die Bestandswand kälter und das System empfindlicher. In der Praxis landen kapillaraktive Systeme häufig bei etwa vier bis acht Zentimetern; was im konkreten Fall vertretbar ist, hängt von Wandmaterial, Schlagregenbelastung und Nutzung ab. Genau dafür gibt es die hygrothermische Simulation: Fachleute rechnen den Wärme- und Feuchtehaushalt der Wand über mehrere Jahre mit echten Klimadaten durch. Bei Fachwerk, Wetterseiten, Naturstein und jeder dampfbremsenden Lösung ist das keine Kür, sondern Planungsgrundlage. Energieberatung mit Altbauerfahrung oder ein Bauphysikbüro sind die richtigen Adressen.
Die kritischen Details
Balkenköpfe
Die Enden der Holzbalkendecken liegen in der Außenwand. Bisher waren sie durch die warme Wand geschützt; nach der Dämmung sitzen sie im Kalten. Strömt dann warme Raumluft durch Fugen am Balken entlang in das Auflager, kondensiert sie dort – am empfindlichsten Punkt des ganzen Hauses. Deshalb:
- Balkenköpfe vor der Dämmung freilegen und prüfen lassen, bei Schäden Holzschutz-Sachverständige und Statik einschalten.
- Den Anschluss der Decke an die Wand luftdicht ausbilden, ohne den Balkenkopf in dichte Materialien einzupacken.
- Im Deckenbereich eher weniger als mehr dämmen; manche Planer lassen dort gezielt eine Wärmebrücke oder führen ein Heizrohr vorbei.
Das ist Detailplanung für den Einzelfall, keine Stelle für Bauschaum.
Einbindende Wände und Decken
Innenwände und Decken, die in die Außenwand einbinden, durchstoßen die Dämmebene. An diesen Kanten wird es kalt, und dort zeigt sich dann Schimmel. Abhilfe schafft eine Flankendämmung: Dämmkeile oder dünne Platten, die ein Stück weit an der Innenwand entlanglaufen. Alternativ hilft auch hier ein Heizrohr in der Ecke.
Fensterlaibungen
Die Laibung ist die klassische Schwachstelle, weil dort wenig Platz ist. Zwei Zentimeter Dämmplatte sind besser als nichts; ungedämmte Laibungen neben einer gedämmten Wand sind fast eine Schimmelgarantie. Beim Fenstertausch die Laibungsdämmung gleich mit einplanen – siehe Fenster: aufarbeiten oder tauschen?.
Installationen
Steckdosen, Leitungen und Rohre möglichst nicht in die gedämmte Außenwand legen. Wasserleitungen in der kalten Zone hinter der Dämmung können einfrieren. Wenn es sein muss: luftdichte Dosen und eine Installationsebene vor der Dämmung.
Sonderfall Fachwerk und Blockbau
Sichtfachwerk auf der Wetterseite ist der anspruchsvollste Fall, weil durch die Fugen zwischen Holz und Gefach immer etwas Schlagregen eindringt. Hier sind moderate Dämmstärken, kapillaraktive Aufbauten aus Leichtlehm, Holzfaser oder Schilf mit Lehmputz und der Verzicht auf jede Folie der bewährte Weg. Beim Blockbau kommt das Setzungs- und Schwindverhalten dazu; starre Aufbauten reißen. In beiden Fällen gilt: nur mit Planung.
Eine Wandheizung im Innenputz ist eine gute Partnerin der Innendämmung: Sie hält die Oberfläche warm und trocken und erlaubt niedrige Vorlauftemperaturen.
Typische Fehler
- Dämmen, bevor die Wand trocken und die Fassade dicht ist.
- Platten punktweise kleben („Batzenmethode”) und damit Hohlräume schaffen.
- Dichte Innenfarben oder Vinyltapeten auf ein kapillaraktives System streichen oder kleben – dann kann es nicht mehr austrocknen.
- Balkenköpfe und Flanken ignorieren.
- Nach dem Dämmen weiter lüften wie vorher: Dichtere Räume brauchen ein Lüftungskonzept.
Kurz gesagt
- Innendämmung funktioniert, wenn die Fassade Schlagregen abhält und die Wand vorher trocken ist.
- Kapillaraktive, diffusionsoffene Systeme sind im Altbau fehlertoleranter als Folienlösungen – vorausgesetzt, sie sitzen hohlraumfrei.
- Moderate Dämmstärken; über die Grenze entscheidet eine hygrothermische Berechnung durch Fachleute.
- Balkenköpfe, einbindende Wände und Laibungen sind die Schadensstellen – dort entscheidet die Detailplanung.
- Keine dichten Anstriche obendrauf, keine Wasserleitungen dahinter.
- Bei Fachwerk und Blockbau nie ohne Planung.