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Bauweisen7 Minuten

Bundwerk: Zimmermannskunst am Stadel

Licht

Was Bundwerk vom Fachwerk unterscheidet, wo es in Südostoberbayern steht, welche Schäden typisch sind und wie man es erhält.

Andere Gegenden haben ihre Schmuckfassade am Wohnhaus. Zwischen Inn und Salzach hat man sie an den Stadel gebaut: Wände aus sichtbaren Balken, die sich zu Rauten, Kreuzen und dichten Gittern verschränken. Bundwerk ist Tragwerk und Zierde zugleich – und eine der eigenständigsten Leistungen des ländlichen Zimmerhandwerks in Bayern.

Was Bundwerk ist – und was nicht

Bundwerk ist ein Ständerbau, also ein Holzskelett wie das Fachwerk. Der entscheidende Unterschied: Es gibt keine Ausfachung. Die Felder zwischen den Hölzern werden nicht mit Lehm oder Ziegeln gefüllt, sondern die ganze Wand wird von innen mit Brettern verschalt. Von außen bleibt das Balkengerüst vollständig sichtbar, die Schalung bildet dahinter den ruhigen Hintergrund.

Die Bauteile:

  • Schwelle auf einem gemauerten Sockel oder auf Einzelsteinen.
  • Säulen (Ständer): die senkrechten Traghölzer, im Bairischen meist so genannt.
  • Riegel: waagrechte Hölzer, die die Wand in Zonen teilen – häufig ein Brustriegel in mittlerer Höhe.
  • Rähm oder Wandpfette als oberer Abschluss, darauf das Dachwerk.
  • Bänder und Streben: schräge Hölzer, die aussteifen. Kopfbänder sitzen oben, Fußbänder unten, längere Streben laufen über ganze Felder. Überkreuzen sie sich, entstehen Andreaskreuze.

Die Hölzer liegen bündig in einer Ebene und sind an den Kreuzungspunkten überblattet, also wechselseitig zur Hälfte ausgenommen. Gesichert wird mit Holznägeln. Das verlangt genaues Anreißen und sauberen Abbund; bei einem dichten Gitter sind das Hunderte von Verbindungen, die alle passen müssen.

Die aufwendigste Form ist der Gitterbund: ein enges Rautengitter aus vielen sich kreuzenden Schräghölzern, meist als Band im oberen Wandbereich über dem Brustriegel. Darunter stehen oft schlichtere Felder mit einzelnen Kreuzen oder Bändern. Dazu kommt Schmuck: profilierte oder geschnitzte Kopfbänder und Büge, Jahreszahlen und Initialen der Bauleute, gelegentlich figürliche oder religiöse Motive und Reste farbiger Fassung. Besonders reich gestaltet sind häufig die Felder um das Tennentor.

Verbreitung und Zeit

Das Kerngebiet ist Südostoberbayern: Rupertiwinkel, Chiemgau, das Land zwischen Inn und Salzach mit den heutigen Landkreisen Traunstein, Altötting, Mühldorf, Rosenheim und Berchtesgadener Land. Darüber hinaus reicht Bundwerk ins angrenzende Niederbayern – etwa ins Rottal – sowie jenseits der Grenze in den Salzburger Flachgau, ins Innviertel und nach Tirol.

Die Wurzeln reichen mindestens ins 17. und 18. Jahrhundert zurück; die frühen Beispiele sind meist schlicht und konstruktiv. Die Blütezeit mit den dichten Gitterbünden und reichem Schmuck liegt im 19. Jahrhundert, grob zwischen den 1830er- und 1860er-Jahren. Das ist kein Zufall: In diesen Jahrzehnten ging es vielen Höfen wirtschaftlich gut, und der Stadel war der Ort, an dem man das zeigte. Gegen Ende des Jahrhunderts wurden die Formen wieder einfacher, bis gesägte Bretter und genagelte Konstruktionen den handwerklichen Abbund ablösten.

Bundwerk findest du fast ausschließlich an Wirtschaftsgebäuden: am Stadel der großen Drei- und Vierseithöfe (siehe Vierseithof in Niederbayern und im Rottal), am Wirtschaftsteil von Einfirsthöfen, an Remisen und Getreidekästen. Einen Überblick über diese Bauten gibt der Beitrag zu den Nebengebäuden am Hof.

Bundwerk erkennen, auch wenn es verdeckt ist

Offen liegendes Bundwerk übersieht niemand. Viele Stadel wurden aber im 20. Jahrhundert außen zusätzlich verbrettert oder mit Platten verkleidet, weil das schneller ging als eine Reparatur. Hinweise auf verborgenes Bundwerk:

  • Von innen: Die Schalung sitzt auf der Innenseite der Säulen. Siehst du im Stadel innen eine geschlossene Bretterwand und außen ebenfalls Bretter, steckt dazwischen mit einiger Wahrscheinlichkeit ein Gerüst.
  • Am Tennentor und an den Gebäudeecken schauen oft Säulen, Bänder oder profilierte Büge unter der Verkleidung hervor.
  • Region und Hofform: Ein großer Stadel aus dem 19. Jahrhundert im Kerngebiet ist grundsätzlich verdächtig.
  • Im Denkmal-Atlas sind viele Bundwerkstadel als Einzeldenkmal verzeichnet, oft mit kurzer Beschreibung.

Bei alten Plattenverkleidungen gilt wie überall: Faserzement aus der Zeit vor den 1990ern kann Asbest enthalten. Nicht selbst abnehmen, brechen oder bohren – siehe Schadstoffe im Altbau.

Bauphysik: ein Kaltbau, der vom Durchzug lebt

Ein Stadel ist unbeheizt und luftig, und genau das hält ihn gesund. Das Holz wird bei Schlagregen nass und trocknet im Wind wieder ab. Geschützt wird es konstruktiv: durch einen weiten Dachüberstand, einen Sockel, der die Schwelle aus dem Spritzwasser hebt, und durch die Schalung, die innen liegt und die Verbindungen außen abtrocknen lässt.

Anders als beim Blockbau stehen die tragenden Hölzer. Holz schwindet in Längsrichtung kaum, deshalb setzt sich ein Bundwerk praktisch nicht. Was sich bewegt, sind die Verbindungen: Holznägel lockern sich über die Jahrzehnte, Blätter bekommen Spiel.

Heikel wird es, wenn aus dem Kaltbau ein Warmbau werden soll. Wohnen verlangt Dämmung, Luftdichtheit und Fenster – alles Dinge, die das Bundwerk nicht kann und nicht können muss. Bewährt hat sich, die neue, gedämmte Hülle mit Abstand hinter das Gerüst zu stellen oder ein eigenes Haus im Haus zu bauen. Das Bundwerk bleibt außen als hinterlüftete, sichtbare Schicht erhalten und trocknet wie bisher nach beiden Seiten ab. Grundsätze und Fallstricke stehen unter Stadel und Stall umnutzen. Bei einem Baudenkmal gehört die Denkmalbehörde von Anfang an mit an den Tisch; welche Auflagen und Fördermöglichkeiten aktuell gelten, klärst du dort und bei der Energieberatung.

Typische Schäden

  • Undichtes Dach: Der häufigste Anfang vom Ende. Läuft Wasser über Jahre am Rähm und an den Säulenköpfen herunter, faulen genau die Hölzer, an denen das Dach hängt.
  • Schwelle und Säulenfüße: Spritzwasser, Mist und Erdreich, das über die Jahrzehnte an die Schwelle herangewachsen ist. Fault die Schwelle, sacken die Säulen nach, und die Blattverbindungen reißen auf.
  • Blattsassen auf der Wetterseite: In den Ausnehmungen der Überblattungen bleibt Wasser stehen. Hier sitzen Fäulnis und Nagekäferbefall zuerst – Näheres unter Holzschädlinge.
  • Herausgesägte Bänder: Für Traktor, Ladewagen und Förderband wurden Tore verbreitert und störende Schräghölzer kurzerhand entfernt. Jedes Band ist Aussteifung. Fehlen mehrere, neigt sich der Stadel, und die verbliebenen Verbindungen werden überlastet.
  • Überformungen: aufgenagelte Verkleidungen, in die Felder eingeschnittene Fenster, einbetonierte Säulenfüße. Holz in Beton steht dauerhaft im Nassen.

Schiefstand, gebrochene Säulen oder aufgerissene Knoten sind ein Fall für Zimmerer und Tragwerksplaner, nicht für den Spanngurt aus dem Baumarkt.

Sanierung: was geht, was du lassen solltest

Reihenfolge einhalten: Zuerst das Dach dicht, dann den Sockel trocken, dann die Hölzer. Wer das umdreht, repariert zweimal.

Zimmermannsmäßig reparieren: Geschädigte Säulenfüße werden angeschuht, Schwellenstücke abschnittsweise ersetzt, fehlende Bänder nach dem Vorbild der erhaltenen ergänzt – in gleicher Holzart (meist Fichte oder Tanne, an der Schwelle mitunter Lärche oder Eiche), mit trockenem Holz und mit Holznägeln statt Blechwinkeln. Für den Schwellentausch muss das Gerüst abgefangen werden; das ist Fachleistung. Wer dafür kein Team findet: Sanierung anfragen.

So viel Original wie möglich: Ein Gitterbund besteht aus vielen kleinen Hölzern. Meist sind nur einzelne verloren; der Rest ist nach einer Reparatur der Verbindungen wieder voll tragfähig. Komplette Nachbauten sehen aus wie Nachbauten.

Oberflächen in Ruhe lassen: Silbergrau verwittertes Holz ist gesund. Unter der Patina können Reste alter Farbfassungen liegen, die für die Denkmalpflege wertvoll sind.

Lass es:

  • Sandstrahlen, Hochdruckreiniger und Abschleifen.
  • Deckende Lacke und dichte Lasuren. Sie blättern auf der Wetterseite nach wenigen Jahren und halten Feuchte im Holz.
  • Bauschaum, Dichtstoffe und Folien direkt am Gerüst.
  • Dämmung in die Felder stopfen und das Bundwerk damit zur Außenwand eines beheizten Raums machen.
  • Säulenfüße einbetonieren oder Schwellen „zum Schutz“ einblechen.

Übrigens: Bundwerkstadel wurden schon früher gelegentlich abgebaut und an anderer Stelle wieder aufgerichtet; die Abbundzeichen an den Hölzern machen das möglich. Das ist aber die letzte Lösung, wenn ein Erhalt am Ort nicht gelingt, und bei einem Denkmal nur mit behördlicher Zustimmung denkbar.

Kurz gesagt

  • Bundwerk ist ein sichtbares, überblattetes Balkengerüst mit innen liegender Bretterschalung – ohne Ausfachung.
  • Kerngebiet ist Südostoberbayern zwischen Inn und Salzach; die reichsten Gitterbünde stammen etwa aus der Mitte des 19. Jahrhunderts.
  • Es steht fast nur an Stadeln und anderen Wirtschaftsgebäuden.
  • Dach, Schwelle und herausgesägte Bänder sind die drei großen Schadensursachen.
  • Reparatur Holz für Holz, zimmermannsmäßig, ohne Lack und ohne Sandstrahl.
  • Bei Umnutzung gehört die warme Hülle hinter das Bundwerk, nicht hinein.

Weiterführend